Weniger Außen, mehr bei dir: Warum dein Nervensystem nicht immer noch eine Regulationstechnik braucht
Wir sprechen viel über Nervensystemregulation.
Über Atemübungen. Meditation. Yoga. Embodiment. Bewegung. Entspannung. Über all die Möglichkeiten, die uns helfen können, wieder ruhiger zu werden und mehr bei uns anzukommen.
Ich arbeite selbst mit vielen dieser Methoden und halte sie für unglaublich wertvoll.
Und trotzdem beschäftigt mich in letzter Zeit immer wieder eine andere Frage:
Was, wenn wir nicht noch eine weitere Regulationstechnik brauchen – sondern manchmal einfach weniger Input?
Wir leben in einem permanenten Außen
Noch bevor wir morgens richtig wach sind, greifen viele von uns zum Handy.
Nachrichten.
E-Mails.
Instagram.
WhatsApp.
News.
Und dann beginnt der Tag.
Termine, Gespräche, Arbeit, Familie, Erwartungen, Entscheidungen, Geräusche, Informationen.
Selbst wenn wir körperlich gerade nichts tun, verarbeitet unser System weiter.
Wir sitzen vielleicht auf dem Sofa – und scrollen.
Wir liegen im Bett – und beantworten noch schnell eine Nachricht.
Wir haben fünf Minuten Pause – und füllen sie sofort wieder mit etwas.
Unser Blick ist ständig irgendwo.
Nur selten bei uns selbst.
Und dann versuchen wir, uns wieder zu regulieren
Wenn wir merken, dass wir unruhig, erschöpft oder überreizt sind, versuchen wir häufig, etwas dagegen zu tun.
Wir machen eine Atemübung.
Meditieren zehn Minuten.
Gehen zum Yoga.
Hören einen Podcast über Nervensystemregulation.
Speichern uns das nächste Reel mit „5 Übungen gegen Stress“.
Und auch das kann wieder zu einem paradoxen Kreislauf werden:
Wir reagieren auf zu viel Input mit noch mehr Input.
Noch eine Methode.
Noch ein Wissen.
Noch etwas, das wir anwenden können.
Noch etwas, das wir „richtig“ machen möchten.
Vielleicht müssen wir aber nicht immer etwas hinzufügen.
Vielleicht dürfen wir anfangen, etwas wegzulassen.
Weniger hineinlassen
Das kann ganz unspektakulär aussehen.
Das Handy für eine Weile weglegen.
Nicht sofort antworten.
Eine Nachricht später lesen.
Nicht jeden Podcast hören.
Nicht jede Information aufnehmen.
Nicht überall dabei sein.
Nicht jede freie Minute füllen.
Nicht auf jeden Reiz reagieren.
Und plötzlich entsteht etwas, das in unserem Alltag selten geworden ist:
Raum.
Nicht als weitere Aufgabe.
Sondern als Abwesenheit von etwas.
Was passiert, wenn es außen leiser wird?
Dann können wir vielleicht wieder etwas wahrnehmen, das unter all dem Input längst da war.
Wie geht es mir eigentlich gerade?
Wie fühlt sich mein Körper an?
Bin ich müde?
Bin ich angespannt?
Brauche ich Bewegung oder Ruhe?
Will ich dieses Gespräch gerade wirklich führen?
Ist das überhaupt meins – oder nehme ich gerade wieder etwas aus meinem Außen auf?
Für mich ist das ein wichtiger Teil von Embodiment.
Nicht sofort etwas verändern.
Nicht sofort regulieren.
Erst einmal wieder wahrnehmen.
Denn wenn wir ständig im Außen sind, hören wir die leiseren Signale unseres Körpers irgendwann kaum noch.
Eine sehr alte Idee: Pratyahara
Spannend finde ich, dass dieser Gedanke überhaupt nicht neu ist.
In Patanjalis achtgliedrigem Yogaweg gibt es den Begriff Pratyahara.
Er wird häufig als „Zurückziehen der Sinne“ beschrieben und bezeichnet vereinfacht gesagt die Bewegung der Aufmerksamkeit weg von der ständigen Ausrichtung auf äußere Sinnesreize.
Für mich bedeutet das heute nicht, mich von der Welt abzuschotten.
Es bedeutet auch nicht, dass äußere Reize grundsätzlich schlecht sind.
Sondern vielmehr:
Meine Aufmerksamkeit muss nicht permanent im Außen gebunden sein.
Ich kann sie zurückholen.
Zu meinem Atem.
Zu meinem Körper.
Zu dem, was gerade tatsächlich da ist.
Und vielleicht ist diese jahrtausendealte Idee gerade deshalb so aktuell.
Denn wahrscheinlich gab es noch nie eine Zeit, in der so viele Dinge gleichzeitig um unsere Aufmerksamkeit konkurriert haben.
Regulation bedeutet nicht immer, etwas zu tun
Das ist vielleicht der Gedanke, den ich am wichtigsten finde.
Wir haben mittlerweile unglaublich viele Möglichkeiten, unser Nervensystem zu unterstützen.
Aber Regulation darf nicht zu einer weiteren Form von Selbstoptimierung werden.
Nicht:
Ich bin gestresst, also muss ich mich jetzt möglichst schnell wieder herunterregulieren, damit ich danach weiter funktionieren kann.
Manchmal ist die wichtigere Frage:
Warum ist mein System überhaupt so voll?
Und:
Was davon könnte weniger werden?
Vielleicht braucht dein Körper gerade keine weitere Atemtechnik.
Vielleicht braucht er zehn Minuten ohne Handy.
Vielleicht keine Meditation über Kopfhörer, sondern Stille.
Vielleicht keinen weiteren Podcast darüber, wie du besser mit Stress umgehen kannst.
Vielleicht einen Spaziergang, bei dem niemand etwas von dir möchte.
Vielleicht musst du nicht lernen, immer mehr auszuhalten.
Vielleicht darf auch einfach weniger auf dich einströmen.
Weniger Außen. Mehr bei dir.
Wir können die Welt um uns herum nicht immer leiser machen.
Wir können unseren Alltag nicht komplett von Reizen, Anforderungen und Erwartungen befreien.
Und wir müssen uns auch nicht aus unserem Leben zurückziehen.
Aber wir können immer wieder kleine Momente schaffen, in denen unsere Aufmerksamkeit nicht irgendwo da draußen ist.
Momente, in denen wir nichts konsumieren.
Nichts beantworten.
Nichts optimieren.
Sondern wahrnehmen.
Wie geht es mir eigentlich gerade?
Vielleicht beginnt genau dort das Zurückkommen.
Nicht mit noch mehr.
Sondern mit weniger.
Weniger Außen.
Mehr bei dir.
Wenn dich das Thema Nervensystem und Stress weiter begleitet, findest du hier auch meinen Beitrag „Warum dein Körper bei Stress nicht immer Ruhe braucht“.



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